Mehr als Kuckucksuhr: Schwarzwälder Pioniere vom Dübel bis zur KI
Hinter Kuckucksuhr und Kirschtorte stecken Weltmarktführer: vom Dübel aus Tumlingen über Tunnelbohrer aus Schwanau bis zur KI aus Freiburg.
Wer an den Schwarzwald denkt, denkt an Kuckucksuhren, Bollenhut und Schwarzwälder Kirschtorte. Das stimmt alles – und ist doch nur die halbe Geschichte. Dieselbe Gegend, in der Bauern im Winter Uhren gebaut haben, hat Firmen hervorgebracht, deren Erfindungen heute in fast jeder Wohnung stecken, sich unter den Alpen durch den Fels bohren oder aus einem Satz ein Bild machen.
Ich glaube, das hat einen Grund. Im Schwarzwald war man lange weit weg von allem: lange Winter, steile Hänge, kleine Höfe. Wer hier leben wollte, musste sich selbst helfen – aus dem Selbsthelfen wurde Tüftelei, aus der Tüftelei Feinmechanik. Die Uhrmacherei hat der Region ein Handwerk beigebracht, das in Zehntelmillimetern denkt. Fünf Firmen zeigen, wohin das geführt hat.
hansgrohe in Schiltach: vom Drei-Mann-Betrieb zur Weltmarke
Am 15. Juni 1901 gründet Hans Grohe in Schiltach im Kinzigtal einen kleinen Handwerksbetrieb für Metalldrückwaren – drei Leute, die unter anderem Teile für Uhren fertigen. Daraus ist eine der bekanntesten Marken für Armaturen und Duschen geworden. 2026 feiert hansgrohe 125 Jahre, und zu Hause ist die Firma immer noch in Schiltach.
Hingehen kannst du auch: In der Aquademie in Schiltach erzählt eine Ausstellung die Geschichte des Unternehmens, dazu gibt es ein Museum über Wasser, Bad und Design. Der Eintritt ist frei, und wer will, kann sogar Probe duschen. Das Fachwerkstädtchen Schiltach lohnt den Weg ohnehin.
fischer in Waldachtal: der Dübel aus Tumlingen
Artur Fischer, 1919 in Tumlingen geboren, gründet dort 1948 einen Ein-Mann-Betrieb. Eine seiner ersten Erfindungen ist ein Blitzlicht, das gleichzeitig mit dem Kameraverschluss auslöst – er verkauft es an Agfa. Berühmt wird er mit etwas viel Kleinerem: Am 7. November 1958 meldet er den Spreizdübel aus Kunststoff zum Patent an. Vorher setzten Handwerker Holzklötze ins Mauerwerk, seitdem hält ein Stück Nylon das Regal an der Wand.
In seinem Leben meldet Fischer mehr als 1.100 Patente und Gebrauchsmuster an, darunter auch die fischertechnik-Baukästen, mit denen ganze Generationen Ingenieur gespielt haben. Er stirbt 2016 mit 96 Jahren. Die Firma sitzt bis heute in Tumlingen, das inzwischen zur Gemeinde Waldachtal gehört.
Herrenknecht in Schwanau: Tunnel für die Welt
Ganz streng genommen liegt Schwanau nicht mehr im Schwarzwald, sondern davor in der Rheinebene – aber man sieht ihn von dort, und die Geschichte gehört dazu. Martin Herrenknecht macht sich 1975 mit einem Ingenieurbüro in Lahr selbstständig. 1977 wird daraus die Herrenknecht GmbH, 1980 zieht sie nach Schwanau-Allmannsweier, wo sie bis heute ihren Sitz hat.
Was dort entsteht, ist schwer vorstellbar: Tunnelbohrmaschinen, groß wie Häuser, die sich durch Fels und Schlamm arbeiten. Beim Gotthard-Basistunnel, dem längsten Eisenbahntunnel der Welt, haben vier Maschinen von Herrenknecht mehr als 85 Kilometer Tunnel gebohrt. Heute arbeiten für die Firma rund 5.400 Menschen weltweit.
Prior Labs in Freiburg: KI, die Tabellen versteht
Jetzt springt die Geschichte ins 21. Jahrhundert – und bleibt trotzdem im Schwarzwald. An der Universität Freiburg entwickelt das Team des Informatikprofessors Frank Hutter ein KI-Modell namens TabPFN, das aus Tabellen Vorhersagen macht – aus genau der Art Daten, mit der Firmen jeden Tag arbeiten. 2024 gründet Hutter mit Noah Hollmann und Sauraj Gambhir in Freiburg die Firma Prior Labs, 2025 erscheint die Forschung in der Fachzeitschrift Nature.
Was dann passiert, ist selbst für die KI-Welt schnell: Im Mai 2026 vereinbart SAP die Übernahme und kündigt an, in vier Jahren mehr als eine Milliarde Euro in Prior Labs zu stecken. Die Firma soll eigenständig weiterarbeiten, auch in Freiburg.
Black Forest Labs in Freiburg: Bilder aus dem Schwarzwald
Die zweite Freiburger KI-Firma trägt den Schwarzwald gleich im Namen. Robin Rombach, Andreas Blattmann und Patrick Esser gehören zu den Forschern hinter Stable Diffusion, einem der Modelle, mit denen Bild-KI für alle zugänglich wurde. 2024 gründen sie Black Forest Labs, im August 2024 erscheint ihr erstes Modell FLUX.1, das aus einem Satz ein Bild macht.
Im Dezember 2025 sammelt die Firma 300 Millionen US-Dollar ein und wird dabei mit 3,25 Milliarden bewertet. Damit gehört sie zu den wertvollsten KI-Firmen Europas – mit Sitz in Freiburg.
Was das mit Kuckucksuhren zu tun hat
Mehr, als man denkt. Eine Kuckucksuhr ist ein kleines Wunderwerk aus Zahnrädern, Blasebälgen und Gewichten, gebaut von Leuten, die im Winter Zeit und Ideen hatten. hansgrohe hat mit Uhrenteilen angefangen, Artur Fischer war ein Tüftler, wie er im Buche steht, und in Freiburg sitzen heute Forscher, die mit Rechenleistung tun, was der Uhrmacher mit Feile und Messing getan hat: etwas bauen, das vorher niemand für möglich hielt.
Der Schwarzwald ist also beides, Kirschtorte und KI.




